Der Seedämon…

Der Seedämon…

Kurzgeschichte einer Schülerin der 2. Klasse zu folgender Aufgabenstellung:

Stell dir folgende Situation vor: Du schwimmst in der Dämmerung alleine in einem unbekannten See.

DER SEEDÄMON

Ich ließ mich auf dem Rücken über das sanft dahin plätschernde Wasser treiben. Der volle Mond warf sein silbriges Licht auf das pechschwarze Gewässer. Es war ein perfekter Moment. Ich war ganze zwei Wochen mit meiner Freundin Sabrina auf ein Englisch-Camp gefahren und solange ich mich nicht erwischen ließ, konnte ich jede Nacht in dem kleinen See schwimmen, der neben den Zelten lag.

Das Schilf wiegte sich sanft in der warmen Brise, große Libellen schwirrten mit trägen Flügeln über die Wasseroberfläche und irgendwo quakte ein Frosch. Langsam aber doch wurden meine Lider schwer. Ich war schon seit beinahe zwei Stunden in dem See. Bedauernd ließ ich meine Hände über das kühle, glitzernde Wasser streichen. Es war so schön, doch meine Abwesenheit hatte mich schon zu oft in Schwierigkeiten gebracht. Wenn man jetzt herausfand, dass ich wieder verschwunden war konnte ich eigentlich gleich meine Sachen packen.

Seufzend drehte ich mich auf den Bauch und schwamm mit kräftigen Zügen auf den Platz zu, wo ich immer meine Kleidung versteckte. Es war ein hohler Baum, der einmal von einem Blitz gespalten worden war und nun beinahe vollständig von Efeu überwuchert die Grenze des Camps markierte. Weiter durften wir uns nicht von den Zelten entfernen, außer ein Erwachsener begleitete uns. Mein Atem kräuselte die Wasseroberfläche, die still und beinahe Bewegungslos vor mir lag. Es war für mich mittlerweile unmöglich geworden dem See lange fernzubleiben, besonders in der Nacht, wenn er so verwunschen und magisch aussah. Beinahe schien es so, als hätte er eine übersinnliche Anziehungskraft auf mich und je mehr ich mich von ihm fernzuhalten versuchte, desto schneller trugen mich meine Beine zu ihm.

Ich war so in Gedanken versunken gewesen, dass ich erst bemerkte, dass ich die Mitte des Sees erreicht hatte, als ein plötzlicher Anflug von Kälte meinen Körper entlangfuhr. Hier gab es besonders starke Strömungen. Plötzlich umschlossen klamme Finger meinen Knöchel. Unwillkürlich riss ich die Augen auf. Das war ein Fehler. Wasser spritzte mir ins Gesicht und ich kniff sie wieder fest zusammen. Ich trat fest aus, doch die Hand schloss sich nur fester um mein Bein. Verzweifelt versuchte ich weiterzuschwimmen, doch der Griff schnitt in meine Haut. Wasser spritzte um mich herum auf, als ich verzweifelt versuchte an der Oberfläche zu bleiben. Was auch immer mich festhielt, zog mich immer tiefer hinunter. Ich legte den Kopf in den Nacken, schnappte noch ein letztes Mal nach Atem und dann spürte ich kühle Nässe auf meinem Gesicht.

Stille. Unheimliche Stille drückte auf meine Ohren, betäubte mich. Meine Nase brannte von dem Wasser, das ich eingeatmet hatte und augenblicklich begann ich blind um mich zu schlagen. Meine Hände fanden nichts. Ich griff verzweifelt ins Leere. Meine Lunge fühlte sich an, als würde sie von einer großen Hand zusammengedrückt. Ich brauchte Sauerstoff. Noch energischer begann ich um mich zu treten, kämpfte mit der Hand, die mich immer noch gepackt hielt, obwohl ich wusste, dass es unmöglich war. Für kaum eine Sekunde gab das Wesen nach und mein Kopf durchbrach die Wasseroberfläche. Kalte Luft stach mir auf der Haut, doch ich hatte kaum genug Zeit Luft zu holen, dann wurde ich wieder in die tödliche Stille gezogen. Meine Beine wurden taub. Das grünliche Wasser war überall. Erfüllte mein Denken, drang in mich ein. Mein Kopf wurde schwer. Ich würde es nicht schaffen. Dunkelheit kroch aus meinem Hinterkopf auf mich zu.

Unscharf, durch mein benebeltes Denken hindurch sah ich die Umrisse von etwas Großem auf mich zukommen. Ich wusste nicht zu wem, sondern nur, dass ich irgendwen anflehte: „Bitte, lass es schnell gehen!“ Die Gestalt tauchte kaum einen Meter vor mir hinab in die Dunkelheit. Ich konnte nicht mehr Denken, fühlte nur wunderbare Leere in meinem Kopf. Es war herrlich an nichts denken zu müssen, bevor es passierte. Ich schloss die Augen und ließ auch die letzte Anspannung aus meinem Körper entweichen, um zu zeigen, dass ich aufgab. Doch dann lockerte sich der Griff um meinen Knöchel und etwas zog mich nach oben. An die Luft.

Wer oder was auch immer mich zog war ein/e gute/r Schwimmer/in. Seine oder ihre Atemzüge gingen gleichmäßig und jede Bewegung war kräftig. Benommen spürte ich, wie mein Körper auf taufeuchtem Gras abgelegt wurde, fühlte mich jedoch, als wäre ich immer noch unter Wasser. Mein Kopf war leer.

„Willst du dich eigentlich umbringen? Du weißt doch wie tief das Wasser an dieser Stelle ist!“, die Stimme kannte ich, auch, wenn ich nicht wusste woher. Vorsichtig öffnete ich die Augen und starrte verwirrt in die Grünen von Jo Jo, einem Jungen aus dem Zelt neben mir. Er sah mich durch den Schleier seines schulterlangen, nassen Haares prüfend an: „Was ist denn los? Du siehst aus, als wäre ich ein Gespenst!“ In den letzten Worten schwang ein Hauch Belustigung mit. Vorsichtig setzte ich mich auf und Blickte mich suchend um. Das mit dem Gespenst war schon recht nahe daran. „Was ist mit …“, stotterte ich, „was ist mit dem Dämon?“ Jo Jo zog belustigt die Augenbrauen hoch: „Ein Dämon?! Hier?! Du wurdest von Algen ins Wasser gezogen nur um das klarzustellen!“ Ich sah auf meinen Knöchel hinab. Auf ihm war ganz eindeutig der Abdruck einer dünnen Hand zu sehen, doch vermutlich würde Jo Jo mich für verrückt erklären, wenn ich ihn darauf aufmerksam machte. „Ich hole dir deine Sachen … du frierst ja!“, meinte er und sah zu dem alten Baum. Jetzt war ich dran mit überrascht sein: „Woher weißt du …?“ „So etwas nennt man Einfühlungsvermögen. Außerdem schaust du schon die ganze Zeit in die Richtung“, meinte Jo Jo, grinste und stand auf. „Warte mal!“, rief ich ihm nach, „Wie hast du mich eigentlich gefunden?“ „Oh, das war ziemlich leicht! Bei dem Lärm den du gemacht hast, kann doch keiner schlafen!“, grinste er. Mit einem Blick zu den Zelten murmelte ich: „Die anderen anscheinend schon!“ Jo Jo folgte meinem Blick, dachte kurz nach, lachte dann und sagte beschämt: „Oh!“ Er schob seine langen Haare beiseite und hielt kaum ein paar Sekunden später ein Hörgerät in der Hand, das er kopfschüttelnd betrachtete und meinte: „Ich glaube, das muss ich reparieren lassen! Ist extrem überempfindlich!“ Jetzt verstand auch ich.

Als wir uns ein paar Minuten später (wieder halbwegs trocken) auf den Weg zu den Zelten machten, blickte ich über die Schulter und glaubte zu sehen, wie mir eine dünne Hand zuwinkte.

Ich weiß nicht, ob das damals Einbildung war, oder nicht, doch eines weiß ich: Jo Jo und ich sind jetzt beste Freunde. Und wer weiß: vielleicht ist ja doch etwas daran an der Geschichte vom Seedämon!

Katharina Sophie 2C

Discussion

  1. Peter Haselmayer  November 19, 2016

    GROßARTIG! Ich bin begeistert von dem wunderbaren Ausdruck und der Spannung der Geschichte. Ich konnte gar nicht aufhören zu lesen.

    (reply)

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