Rückübersetzungen

Rückübersetzungen

Prof. Michael Scherzer:

Lost in Translation? Ein (Rück-)Übersetzungsprojekt im Wahlpflichtfach Deutsch

(Ein sanftes Rot erfüllt mich ganz <> soll die Rote mich ersäufen)

Begonnen hat es ganz harmlos, mit einer Doppelstunde zum Thema „Übersetzungen“ im Wahlpflichtfach Deutsch. Wir lachten über Fehlübersetzungen auf Speisekarten (Aus „Schweinelendchen“ etwa war „Pig miserable little“ geworden!) und stellten uns die Frage, was eine gute Übersetzung auszeichnet. Von Profis wird als Qualitätskontrolle eine Rückübersetzung vorgeschlagen: Ein aus der Sprache A in die Sprache B übersetzter Text wird wieder in die Sprache A rück-übersetzt. Anschließend vergleicht man den ursprünglichen und den rückübersetzten Text – im Idealfall sollten sie identisch sein.

Da wurde die Idee geboren, die schließlich zum Langzeit-Projekt des Jahres 2015/16 werden sollte: Der Lehrer wählte ein Gedicht aus („Mählich durchbrechende Sonne“ von Arno Holz), das von einer Schülerin ins Englische übertragen wurde. Die nächste Schülerin, die nur die Übersetzung kannte, übertrug den Text zurück ins Deutsche. Und so ging es weiter: Deutsch > Englisch > Deutsch > Französisch > Deutsch usw. Insgesamt 21mal wurde das Gedicht (rück-)übersetzt, wobei jede/r Übersetzer/in immer nur die unmittelbare Vorgängerversion vor sich hatte.

Das Ergebnis hat uns alle überrascht: Fast jeder Fehler, jeder Zufall, der passieren konnte, ist auch passiert. Nach atemloser Lektüre, ungläubigem Kopfschütteln, heftigen Lachanfällen und genauen Vergleichen konnten wir als Erkenntnisse festhalten:

  • Mehrfachbedeutungen von Wörtern führten zu Bedeutungsverschiebungen,
  • Satzstellung, Klang, subtile Nuancen und die Formatierung des Originals gingen komplett verloren,
  • Auslassungen im Original wurden ergänzt,
  • unlesbare Handschriften führten zu fehlerhaften Übersetzungen,
  • am ehesten erhalten blieben die Nomen des Originaltextes.

Am spannendsten war vielleicht die Veränderung der Stimmung: Aus subtilen, atmosphärischen, gefühlvollen Versen („ein sanftes Rot erfüllt mich ganz / und / deutlich … spür ich … wie die / Sonne / mir durchs Blut / rinnt“) wurden letztlich brutale Kämpfe auf Leben und Tod („Soll die Rote mich ersäufen / und die Sonne füllen, / sodass Schritt für Schritt mein Blut vergiftet wird“). Schwer Übersetzbares wurde umgedeutet oder gleich eliminiert: „Ein / weites, schütteres, / lichtwühlig, lichtblendig, lichtwogig / zitterndes Weiß“ wurde am Ende zu „Ein Atemzug, so angenehm und rein“.

Something is always lost in translation. („Etwas ist immer verloren in Übersetzung.“)

Und hier sind sie, erstmals publiziert: Version 1, Version 11 und Version 22, in Gegenüberstellung:

Version 1 (von Arno Holz):

Mählich durchbrechende Sonne

Schönes,
grünes weiches
Gras.

Drin
liege ich.

Inmitten goldgelber
Butterblumen!

Über mir … warm … der Himmel:

Ein
weites, schütteres,
lichtwühlig, lichtblendig, lichtwogig
zitterndes
Weiß,
das mir die
Augen
langsam … ganz … langsam
schließt.

Wehende … Luft … kaum merklich
ein Duft, ein
zartes … Summen.

Nun
bin ich fern
von jeder Welt,
ein sanftes Rot erfüllt mich ganz,
und
deutlich … spür ich … wie die
Sonne
mir durchs Blut
rinnt.

Minutenlang.

Versunken
alles … Nur noch
ich.

Selig!

Version 11:

Schöne,

ich stehe auf weichem, grünem Gras,

inmitten goldener Butterblumen,

über mir der warme, strahlende Himmel:

eine große, weiße Weite, die meine Augen langsam schließt,

erschöpfend langsam.

Ein Duft, kaum wahrzunehmen; der Wind, ein summender Ton

… weich und sanft.

Weit entfernt von dieser Welt,

will ich mit fließendem Rot gefüllt sein,

… und ich fühle…

Die Sonne, die mein Blut erhitzt…

Sie bleibt.

Alles wird zu Gras,

aber ich bleibe

wohl und wahrhaftig erfüllt.

Version 22:

Gut,

der Blick auf die herrliche Wiese,

in der Mitte eine goldene Blume

und auf mir selbst ein warmer Himmel, aufgeklärt.

Ein Atemzug, so angenehm und rein,

er schließt langsam meine Augen.

Langsam fühlt es sich anstrengend an.

Ein Geruch, schwer zu definieren.

Wer wird menschlich zuhören, weich und zufrieden,

Meilen entfernt von meiner eigenen kleinen Stadt.

Soll die Rote mich ersäufen und die Sonne füllen,

so dass Schritt für Schritt mein Blut vergiftet wird.

Ich bleibe.

Alles wird gleich sein, auf der Erde

und eins mit der Wiese,

aber ich werde bleiben,

gut und zufrieden.

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